Interview

»Die Erinnerung verblasst nicht«

Marcel Reich-Ranicki über das Schoa-Gedenken und seine Rede im Deutschen Bundestag

26.01.2012 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Reich-Ranicki, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus werden Sie morgen auf Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag die Gedenkrede halten. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dieser Aufgabe entgegen?
Es wird für mich sehr schwierig werden, vor das Plenum zu treten, um von dieser schrecklichen Zeit zu berichten. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ob ich der Aufgabe gewachsen bin, noch einmal über das Schicksal der Juden im Warschauer Ghetto zu sprechen.

Im Alter, heißt es, kommen oft Erinnerungen an längst vergangene, scheinbar vergessene Erlebnisse wieder hoch. Wie stark ist die Zeit im Ghetto bei Ihnen heute im Alltag noch präsent?
Die Erinnerungen an damals verblassen nicht, im Gegenteil, sie werden stärker. Es vergeht bis heute kein Tag, an dem ich nicht daran denken muss. So etwas vergisst kein Mensch. Es war eine schreckliche, eine unvorstellbare Zeit. Sie können das alles in meiner Autobiografie »Mein Leben« nachlesen, ich habe darüber ausführlich geschrieben.

Die Gedenkstunde wird von einem Werk des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg begleitet. Welchen Stellenwert hatte die Musik für Sie im Ghetto?
Die Musik hatte dort für die meisten Menschen eine große, ja eine beinahe existenzielle Bedeutung – so auch für mich. Es wurde von sehr vielen Gefangenen Musik gespielt und gehört, vor allem Werke aus dem 19. Jahrhundert. Ich erinnere mich an außerordentlich fähige, vor dem Krieg auch von Polen hoch geschätzte jüdische Musiker, die vor der Schoa im Orchester des polnischen Rundfunks und an der Oper gespielt hatten. Aber, mein Lieber, vergessen Sie mir nicht die Lyrik! Neben der Musik das Einzige im Ghetto, das mein Herz zu erreichen vermochte.

Warum gerade Lyrik?
Wer jederzeit von den Deutschen abtransportiert werden kann, findet keine Ruhe, Romane wie »Krieg und Frieden« oder »Anna Karenina« zu lesen. Wohl aber Gedichte. Jawohl, die Lyrik hatte einen starken Einfluss auf mich. Ich habe viele Gedichte gelesen in dieser Zeit – sowohl deutsche als auch polnische. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an Erich Kästners »Lyrische Hausapotheke« – ein ganz fabelhaftes Buch, das ich auch nach dem Krieg immer wieder zur Hand nahm.

Sie sind 1959 nach Deutschland gegangen. Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Entschluss richtig war?
Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.

Mit dem Literaturkritiker und Überlebenden des Warschauer Ghettos sprach Philipp Engel.

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