Sprachgeschichte(n)

Geseire, Gedibber, Geschmus

Redensarten über die Art zu reden

10.11.2011 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

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»Was ist unsere Rede anders als eine unsichtbare Hand, wunderbar und vielfach gefingert, mit welcher wir fahren über unserer Mitmenschen Gemüter!«, heißt es in Jeremias Gotthelfs Roman Anne Bäbi Jowäger von 1843. Aber manchmal revoltiert unser eigenes Gemüt, weil uns die Rede von Mitmenschen auf die Nerven geht.

Wir haben in solchen Fällen zwei sprachliche Mittel, unseren Unmut auszudrücken – ein Präfix und ein Suffix. Das Suffix »ei«, das zumeist ein Verhalten kennzeichnet, tritt oft in der erweiterten Form »erei« an Verben und hat dann eine abwertende Komponente: Rederei, Faselei, Jammerei, Schwafelei. Abwerten kann auch das Präfix »Ge«: Gerede, Gefasel, Geschwätz, Gelaber.

schwafeln Man nennt das auch »Geseire«. Dieses Wort allerdings ist nicht mit der deutschen Vorsilbe »Ge« gebildet, Es wurde aus dem Jiddischen entlehnt. Dort meint das auf das Hebräische zurückgehende »gesera« wörtlich »Bestimmung, Verordnung, schlimme Verfügung«, besonders eine obrigkeitliche, die Unglück für Juden verhieß. Werner Weinberg nennt in Die Reste des Jüdischdeutschen (1973) dafür zwei Beispiele: Eine »schöne geseire« steht für eine »unangenehme Geschichte oder Situation«. »Die geseire wächst« heißt: Der »Zustand wird immer schlimmer«. Das Beweinen dieser Verhängnisse führte zur Bedeutung »klagendes Gejammer, Getue, Aufhebens«, die über das Rotwelsche in die deutsche Umgangssprache eindrang.

Kluges Etymologisches Wörterbuch von 2002 nennt das Wort Geseire vulgär. Das kümmert weder Journalisten noch Schriftsteller. Joachim Ringelnatz schrieb von »seriösem Geseire«, und Robert Gernhardt kanzelte Literaturkritiker ab: »Lass nicht zu, dass sie dich loben./Wer dich lobt, darf dich auch tadeln./Und du musst dann sein Geseires/auch noch mit Verständnis adeln.« Ähnlich hatte Max Liebermann »das jetzt in der Kunstschreiberei übliche Gequatsche oder Geseire« bemäkelt. Und vor nicht allzu langer Zeit berichtete »Die Welt« über einen Politiker, er attestiere einer Bundesministerin »Geseire, das kein Mensch mehr hören will«.

tratschen Hebräischer Herkunft ist auch das »Gedibber«. Im Westjiddischen hat »dibbern« oder »dabbern« die Bedeutung »reden, plaudern«. Die hebräische Wurzel ist das Verb »dabar«, »sprechen«. Vor allem in Dialekten taucht das Wort auf, so im Frankfurterischen: »E Gelärms un Gedhus/E Gediwer un Geschmuhs« las man 1883 in der Satirezeitschrift Frankfurter Latern.

Das »Geschmus«, von dem hier die Rede ist, stammt ebenfalls aus dem Jiddischen. Mit Liebkosungen, für die man es auf Deutsch verwendet, hat der Begriff ursprünglich nichts zu tun. Das hebräische »schemuá« heißt Gerücht oder Geschwätz. Auf Jiddisch steht »schmusen« für freundschaftliche, vertrauensvolle Plauderei. In dieser Bedeutung verwendet man auch »to schmooze« in den USA. Wenn Sie dort in der Zeitung lesen, dass der Präsident mit seinem Vize im Weißen Haus »schmoozed«, heißt das also nicht, dass die beiden ihr Coming-out als Schwule gehabt hätten. Die nennt man auf Jiddisch übrigens »fejgele«, Vöglein. Aber das ist eine andere Geschichte.

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