Sprachgeschichte(n)

Wörtlicher Fehltritt

Für was »Jud« im Umgangsdeutschen so alles steht

21.07.2011 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

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»Eine Berliner jüdische Dame hatte sich bei einer kleinen Schneiderin in Wien, die so sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war, ein Kleid bestellt. Bei der ersten Probe zeigte sich ein grober Fehler im Zuschnitt. Er sollte beseitigt werden, aber es zeigte sich bei der nächsten Probe, dass er doch nicht ganz gutgemacht werden konnte.

Mit philosophischer Resigniertheit bemerkte die Schneiderin: ›I hob ma glei’ g’denkt, wo einmal a Jud dring’steckt hat, wird nimmer was G’scheit’s draus.‹ Man kann sich denken, wie entrüstet die Berliner jüdische Dame war, bis sie aufgeklärt wurde, dass nicht sie gemeint war.« Die Lösung dieser Episode lässt ihr Verfasser unmittelbar folgen: »Nicht nur ein Fehler im Kleid, im Anzug, auch ein Riss, ein Loch heißt in der Volkssprache vielfach ein Jud.«

Nachzulesen ist das in einem Aufsatz, der im Juli 1939 in der »Gelben Post« publiziert wurde, einer deutschsprachigen Schanghaier Exilzeitschrift. Sein Verfasser ist Adolf Josef Storfer. Er war 1938, wie 20.000 andere Juden, nach Schanghai geflüchtet, da man in die Stadt ohne Visum und Pass einreisen konnte.

Zuvor war Storfer von 1925 bis 1932 als Direktor des Internationalen Psychoanalytischen Verlags in Wien Mitherausgeber der Gesammelten Schriften Sigmund Freuds gewesen und hatte außerdem zwei (2005 wieder aufgelegte) »Wort-Biografien« verfasst: Wörter und ihre Schicksale (1935) und Im Dickicht der Sprache (1937).

stofffehler Storfer richtete seinen Blick »durch viele unendlich kleine Prismen der Volkssprachenforschung« stets auch auf die psychologischen Ursachen für das, was er »das große zeitgeschichtliche Schauspiel des Antisemitismus« nannte.

Im Fall der Wiener Schneiderin war sein Ergebnis: »Hier scheint nicht nur die Gedankenverknüpfung ›etwas Fehlerhaftes, Nichtdazugehöriges in einem Ensemble von Erscheinungen = Jud‹ bestimmend zu wirken, sondern vielleicht auch die Beobachtung der jüdischen Sitte, beim Tode eines Angehörigen zum Zeichen der Trauer einen Schnitt in die Kleidung zu machen.«

Den »Jud« als Stofffehler gibt es bis heute. Das 2002 in zweiter Auflage erschienene Wörterbuch der Wiener Mundart von Maria Hornung und Sigmar Grüner führt unter acht metaphorischen Verwendungen für »Jud« auch die »unerwünschte Falte beim Bügeln« auf, konstatiert aber: »Alle diese Bedeutungen und Redensarten, obgleich früher mehr gedankenlos als in abwertendem Sinn gebraucht, sind im heutigen Sprachgebrauch fragwürdig und verpönt.«

»Jude im Schiff« Nicht nur in Österreich fand Storfer erstaunliche Verwendungen des Wortes »Jude«: »Wenn man im Saarland jemanden warnen will vor unvorsichtigen Äußerungen, die von einem Unbefugten, einem Lauscher gehört werden konnten, so sagt man gelegentlich ›Pst! Jude im Schiff!‹« In dieser Redensart deutete den Sprachforscher den Juden als den Uneingeweihten, als den Fremden, der Verräter (Judas!) werden könnte – »wurden doch die Juden in fast allen Phasen ihrer Geschichte von ihren Wirtsvölkern als Fremde empfunden.«

Entlarvend ist, dass gerade diese Wendung auch nach der Schoa noch benutzt worden ist, und nicht nur im Saarland. Das belegt etwa der Zeitzeugenbericht des Essener Autors Detlev Crusius, den dieser 2008 in der Sektion »einestages« von Spiegel-Online über seine Flucht aus der DDR im Jahre 1953 veröffentlichte: »Es gab zu Hause merkwürdige Anzeichen, Veränderungen, die ich nicht einordnen konnte, meine Eltern wurden geheimnisvoll, sie hörten auf zu reden, wenn ich dazukam, ständig wurde bei uns getuschelt. ›Juden im Schiff!‹, sagte meine Mutter immer, wenn ich ins Zimmer kam. Dieser Spruch hatte seinen Ursprung in einem großen Plakat aus der Nazi-Zeit, wo der Erzfeind, natürlich ein Jude, dabei erwischt wurde, wie er die guten Deutschen belauschte.«

fussball Auch im Sport finden wir den »Jud«. In seinem letzten, 1939 abgedruckten Fragment zur deutschen Volkssprache berichtet Storfer: »In Wiener Fußballspielerkreisen wird ein unrichtiger Kick, wenn man nämlich den Ball mit der Fußspitze trifft, als Jud bezeichnet.«

Dass dieser Gebrauch noch heute bekannt ist und möglicherweise mit der Geschichte des Antisemitismus zusammenhängt, erläutert der österreichische Dialektforscher Manfred Glauninger: »Der Spitz, also der Schuss mit Schuhspitze, wird, beziehungsweise wurde mitunter auch ›Jud‹ und ›Isaak‹ genannt. Es ist zu vermuten, dass hier zwei Aspekte eine Rolle spielen. Zum einen ist der Spitz keine besonders goutierte, weil unkontrollierte Schusstechnik. Und es ist wahrscheinlich, dass diese pejorative, sprich: abwertende Komponente ihre Wurzeln im Antisemitismus hat.

Es könnte aber auch sein, dass es sich dabei um eine Anspielung auf die in der Zwischenkriegszeit sehr aktive jüdische Sportvereinsszene handelt. Der SC Hakoah Wien war zum Beispiel 1925 österreichischer Fußballmeister.«

tabakreste Adolf Josef Storfer wurde im Zweiten Weltkrieg von den Engländern nach Australien evakuiert. Seit 1941 lebte er in Melbourne, wo er am 2. Dezember 1944 im 56. Lebensjahr verarmt und einsam starb.

Der Sohn eines betuchten Holzhändlers hatte zuletzt alle literarischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten aufgegeben, schuftete in einem Sägewerk für Eukalyptusbäume und drechselte in der Freizeit Kinderspielzeug. Auch eine Holzpfeife? Noch 1939 hatte Storfer in der »Gelben Post« geschrieben: »In der Mundart Schleswig-Holsteins heißt ein kleiner Tabaksrest, der noch in der Pfeife verblieben ist, auch Jud: Dor is noch ‘n lütte Jud in de Piep.«

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