Jüdische Allgemeine | 22.04.2010 | Steffen Reichert | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/7272

Porträt der Woche

Das Leben ordnen

Max Schwab ist emeritierter Geologieprofessor und räumt gerade sein Büro auf

Ich werfe gerade mein Leben weg. Meine Frau hört diesen Satz nicht gerne. Aber er stimmt schon – und mit 78 Jahren umso mehr: Wenn man, wie ich in diesen Tagen, beginnt, sein Büro am Institut Schritt für Schritt von jahrzehntelang gesammelten Papieren zu befreien, dann ist das fast ein Leben, das man da beackert. Was soll ich aufbewahren, was vernichten? Jedes Blatt Papier weckt alte Erinnerungen, frischt einstige Debatten auf.

Ich hatte das Glück, dass ich meinen Wunschberuf erlernen konnte: Ich wurde Geologe. Genau wie mein Zwillingsbruder Günther. Er, der vor 14 Jahren bei einem Unfall verstarb, blieb nach dem Studium an der Berliner Humboldt-Universität. Ich ging für die Promotion zurück nach Halle an der Saale an die Martin-Luther-Universität, wo ich bis zu meiner Pensionierung eine Professur innehatte. Unser Wissenschaftsbereich war so etwas wie eine kleine Insel im »roten« Meer. Wir wurden in Ruhe gelassen. Vielleicht übe ich deshalb meinen Traumberuf, der mich noch immer täglich ans heimische Arbeitszimmer bindet, bis heute gern aus. Gerade war ich Mitherausgeber und Autor der ersten geologischen Darstellung Sachsen-Anhalts. Und das Manuskript für einen geologischen Exkursionsführer durch den Ost-Harz ist vor ein paar Tagen zum Verlag gegangen. Ich habe viel zu tun, was mir wahrscheinlich gut tut.

ORAL HISTORY Zum Glück geht es mir gesundheitlich gut. Ich kann alle Einladungen zu Vorträgen noch annehmen. Ich spreche regelmäßig vor Schulklassen und diskutiere mit Jugendlichen. Dabei merke ich: Die Schüler wissen nicht viel über die nahe Vergangenheit. Man muss immer wieder erklären, und es hängt ganz maßgeblich von den Lehrern ab, ob wenigstens ein Grundwissen existiert. Wenn ich den Jugendlichen aus meinem Leben berichte und davon erzähle, wie ich mit meinem Bruder die Schoa überleben konnte, dann sind sie still. Und wenn sie in Projekten selbst losziehen und recherchieren, was aus einzelnen Menschen geworden ist, sind sie betroffen.

Für mich sind diese Begegnungen unglaublich wichtig. Stadtgeschichte lebt ja nicht nur von den Dokumenten, sondern davon, dass auch festgehalten wird, was nicht in den Akten steht. Dabei existiert ohnehin eine Diskrepanz. Die jüdischen Intellektuellen sind viel stärker im Gedächtnis der Öffentlichkeit präsent als die sogenannten kleinen Leute.

Doch es ist wichtig, gerade Alltagsgeschichte festzuhalten. Neulich hat mich ein Filmemacher für ein Projekt angesprochen. Er hatte bei seinen Recherchen erfahren, dass vor dem alten halleschen traditionsreichen Kurbad Wittekind von den Nationalsozialisten ein Schild angebracht worden war: »Juden haben keinen Zutritt.« Ich konnte mich tatsächlich daran erinnern, uns selbst ist damals das Betreten untersagt worden. Da ich in der Jüdischen Gemeinde zu Halle der letzte Zeitzeuge bin, der aus eigenem Erleben von diesen Dingen berichten kann, werde ich immer wieder befragt.

Herkunft Die Familie meines Vaters gehörte zum Landjudentum in der Rhön und kam im Zuge der Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts nach Halle. Hier übernahm mein Vater schließlich ein florierendes Viehgeschäft, das sich am Güterbahnhof befand. Die protestantische Familie meiner Mutter war aus Schlesien hergezogen. Meine Mutter und mein Vater verliebten sich ineinander, sie konvertierte zum Judentum, die beiden heirateten 1930. Zwei Jahre später wurden mein Bruder und ich geboren. Mein Vater war viele Jahre im Vorstand der prosperierenden Jüdischen Synagogengemeinde aktiv und für das Sozialwesen verantwortlich.

Wir Kinder galten nach den sogenannten Nürnberger Gesetzen als »Volljuden« – eine rein willkürliche Einstufung der Nazis, denn andere wurden als »Halbjuden« eingestuft. Das Judentum meiner Mutter wurde von den Nazis aufgrund ihrer Rassegesetze nicht akzeptiert. 1936 verloren wir unseren Besitz, zunächst die Villa und den Grundbesitz, 1938 musste schließlich das Viehgeschäft Konkurs anmelden. Am Tag nach der Reichspogromnacht wurde mein Vater als einer von 105 willkürlich verhafteten jüdischen Männern aus Halle ins KZ Buchenwald gebracht. Er wurde freigelassen, weil er anschließend nach Holland emigrierte. Doch dort nahm man ihn als Staatenlosen in Quarantäne und deportierte ihn 1942 nach Auschwitz-Birkenau. Sein Transport führte über den halleschen Güterbahnhof, wo er einem Arbeiter einen Gruß an uns ausrichten konnte. Dass er dann gemeinsam mit 835 Leidensgefährten vergast wurde, erfuhren wir nicht. Ich habe es erst später in den in Auschwitz überlieferten Karteien nachverfolgen können.

Meine Mutter und wir beiden Jungen überlebten die Nazidiktatur nur, weil uns die Menschen in dem Arbeiterviertel am halleschen Güterbahnhof halfen. Mein Bruder und ich, wir fielen als eineiige Zwillinge sehr auf. So durften wir auf Weisung unserer Mutter jahrelang das Wohnhaus tagsüber nicht verlassen. Sie wollte uns schützen und auch verhindern, dass wir öffentlich einen Judenstern trugen. Da wir seit der Pogromnacht 1938 auch die Schule nicht mehr besuchen durften, erhielten wir von einer aus dem Schuldienst entlassenen, weil anthroposophisch ausgerichteten Lehrerin Privatstunden in Lesen, Schreiben, Rechnen und Englisch.

Unser Leben wurde leichter, als wir Brüder 1944 zu sogenannten Mischlingen 1. Grades eingestuft wurden. Die von der Gestapo angeordnete christliche Taufe am 1. April 1945 fand nur deshalb nicht statt, weil es am Tag zuvor den schwersten Luftangriff auf Halle gegeben hatte, der unser Wohnhaus und die Taufkirche zerstörte. Ein paar Tage später befreiten die amerikanischen »Timberwölfe« die Stadt. Ein neues Leben begann.

Die immer wiederkehrende Frage, die Juden von Nichtjuden unterscheidet, wird durch ein einziges Wort deutlich. Nichtjuden fragen: Wie konnten Sie überleben? Juden fragen: Warum konnten Sie überleben? Das zu verstehen, ist auch heute noch schwierig. Die Gemeinde in Halle nach 1945 war sehr klein. Sie geriet unter den politischen Druck einer Vorsitzenden, die sich als Nichtjüdin nicht scheute, auch die Reste jüdischen Lebens in Halle zu zerstören. So begann auch ich erst mit der politischen Wende 1989 in der DDR, mein Judentum aktiv zu leben. Die Mitglieder der sich neu formierenden Gemeinde wählten mich zuerst in den Vorstand und später zum Vorsitzenden der Repräsentanz.

Erfahrungen und Einsichten zu vermitteln, das war und ist mir wichtig. Zu bewahren und aufzuklären, gehört dazu. Deshalb unterstütze ich auch das Projekt »Stolpersteine«. Die Stolpersteine für meinen Vater und seine im KZ Sobibor getötete Schwester liegen vor dem Hotel »Maritim«, wo mein Geburtshaus stand. Es hat mich sehr berührt, dass das Hotel sofort mit der Steinverlegung einverstanden war.

Lebensabend Vor 14 Jahren sind meine Frau Jutta und ich noch einmal umgezogen. Wir wohnen jetzt in einer Wohnung direkt am Ufer der Saale. Auf der anderen Seite, da, wo die Schiffe anlegen, steht hoch oben die Burg Giebichenstein. Es ist die Idylle schlechthin, die nur durch drohende Frühjahrshochwasser beeinträchtigt wird. Zwei meiner drei längst erwachsenen Söhne leben außerhalb von Halle – in Jena und Berlin. Aber heute sind das ja alles keine Entfernungen mehr, wir sehen einander regel- mäßig. Ich bin dankbar dafür, dass ich dieses Heute noch erleben darf. Ich habe – wenn ich mir vorstelle, dass die meisten meiner jüdischen Verwandten von den Nazis ermordet worden sind – in meinem Leben mit Gottes Hilfe viel Glück gehabt.