Jüdische Allgemeine | 20.03.2008 | Kilian Kirchgessner | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/3088

Franz Kafka

Das Schloss

Frýdlant ist ein unscheinbares Städtchen in Böhmen. Doch es gibt etwas Besonderes: eine Burg. Hat das Gemäuer Franz Kafka zu seinem berühmten Roman inspiriert? Eine Spurensuche

von Kilian Kirchgessner

Der Boden knarzt. Durch die Fenster zieht kalte Luft herein. Aber für Iva Beranova ist es der schönste Platz weit und breit. „Da unten war es“, sagt sie, „wo damals Franz Kafka gewohnt hat.“ Sie lehnt an der Fensterbank oben im Dachgeschoss des Rathauses und lässt ihren Blick über das Panorama schweifen, das sich jenseits der einfachen Glasscheiben ausbreitet. „Zum weißen Pferd“ heißt das Restaurant mit den Gästezimmern schräg gegenüber auf dem Marktplatz, der am Morgen noch menschenleer ist und erst später, wenn die Männer bei der Arbeit sind und die Kinder in der Schule, zum Treffpunkt wird. Am Horizont zeichnen sich die zarten Hügel der böhmischen Landschaft ab, überwachsen mit dichten Wäldern. Und auf der nächstgelegenen Erhebung thront Schloss Frýdlant. Das Schloss.
„Nach Franz Kafka fragen mich hier die wenigsten“, sagt Iva Beranova. „Meistens geht es um Albrecht von Wallenstein, der dort im Schloss gelebt hat.“ Iva Beranova ist die Chronistin des kleinen Ortes Frýdlant. Sie wacht über die Exponate im Heimatmuseum, die im zugigen Dachgeschoss des Rathauses ausgestellt sind. Ein paar Touristen finden im Sommer den Weg hinauf zu Iva Beranova. Sie schauen sich dann die historischen Möbel an, das Harmonium aus tiefschwarzem Edelholz, auf dem einst ein örtlicher Komponist gespielt haben soll. Sie betrachten das mannsgroße Gemälde des Grafen Wallenstein und den sehr kantig geratenen Nachbau des Rathauses. Von Franz Kafka, dessen Geburtstag sich im Juli zum 125. Mal jährt, finden sie nicht einmal ein Foto.
„Ich müsste die Nacht durchschreiben, so viel kommt über mich, aber es ist nur Unreines“, notierte Kafka einst in seinem Tagebuch. „Januar, Februar 1911“ ist der Eintrag zu seiner Reise nach Frýdlant datiert, der Winter war kalt und das Nachtquartier nicht ganz zu seiner Zufriedenheit. „Ich erinnere mich an einen Christus am Kreuz, der vielleicht gar nicht da war. Kein Wasserklosett, der Schneesturm kam von unten herauf. Eine Zeitlang war ich der einzige Gast.“ Und dann ist da dieses Schloss, das auf Kafka nachhaltigen Eindruck macht. „Die vielen Möglichkeiten, es zu sehen: aus der Ebene, von einer Brücke aus, aus dem Park, zwischen entlaubten Bäumen, aus dem Wald zwischen großen Tannen durch.“
Das Schloss von Frýdlant, so gehen heute die Spekulationen, hat Franz Kafka zu seinem Roman Das Schloss inspiriert, den er gute zehn Jahre nach seinem Besuch hier in Nordböhmen geschrieben hat. Der Name der Gemeinde kommt in dem Roman nie vor, ob sie tatsächlich Kafkas Vorbild war, ist eine reine Mutmaßung. Ohnehin hört, wer sich in Frýdlant auf die Suche nach Kafkas Spuren begibt, häufig die Worte „vielleicht“ und „wahrscheinlich“. Wo er gewohnt hat, damals bei seinem Aufenthalt? Wahrscheinlich im Gasthaus „Zum weißen Pferd“. Aber genau sa- gen kann das niemand. Wo er spazieren gegangen ist, welche Brücke er in seinem Tagebuch beschreibt? Vielleicht diese hier, die schmale Wenzelsbrücke gleich hinter der Kirche, die über den schmalen Bach mit dem tschechischen Namen Smeda führt? Es bleiben die Fragezeichen. „Aber als ich gelesen habe, wie Kafka in seinem Roman das Schloss beschreibt“, sagt Iva Beranova, die örtliche Chronistin, „da war mir klar, dass es nur unseres hier sein kann.“
Es ist eine Passage in der ersten Hälfte des Romans, die zur Schlüsselstelle des ganzen Buchs wird. „So ging er wieder vorwärts“, schreibt Kafka über seinen Protagonisten, den Landvermesser, „aber es war ein langer Weg. Die Straße nämlich, diese Hauptstraße des Ortes führte nicht zum Schlossberg, sie führte nur nahe heran, dann aber wie absichtlich bog sie ab, und wenn sie sich auch vom Schloss nicht entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher.“ Das Schloss, das zum Städtchen gehört und doch unerreichbar ist. Iva Beranova geht wieder zum Fenster oben in ihrem Rathaus-Museum, sie zeigt auf das Gemäuer, das mitten im Wald steht, nicht weit entfernt vom Marktplatz, aber scheinbar ohne direkte Verbindung. Und dann sagt sie: „Heute gibt es dort oben eine Klingel, gleich neben der Zugbrücke.“
Der Weg von der Stadt hinauf windet sich durch den Wald und nähert sich dem Schloss von der Seite. Ein abweisendes Gemäuer ist es. Eher Burg als Schloss, gesichert mit einem Graben und einem spitz zulaufenden Wall, der sich wie ein Schiffsrumpf in die nordböhmische Landschaft schneidet. Vom Leben im Schloss kündet nur ein schmaler Lichtschein, der aus einem dieser zweiflügeligen Fenster dringt, dort in dem Seitentrakt. „Die Ketten der Zugbrücke hängen vernachlässigt an den Haken herab“, hatte schon Franz Kafka geschrieben. Dort hängen sie noch heute.
Jana Pavlikova hat diese Sätze von Kafka noch nie gelesen. Die Kunsthistorikerin ist Kastellanin auf Schloss Frýdlant, viel Zeit für die Lektüre lässt ihr die Arbeit nicht. „Als ich hier angefangen habe, hat es noch durchs Dach geregnet“, sagt sie. Jana Pavlikova ist tief in einen alten Sessel gesunken, im Hintergrund bollert ein grüner Kachelofen. Solange die Burg wintertags für Besucher geschlossen ist, hält sie es nur hier in ihrem Büro aus. Es liegt in einem auskragenden Erkerzimmer im westlichen Trakt des Schlosses, die übrigen 70 Räume sind nicht geheizt. Prunkvolle Säle sind es, prächtige Salons und lange Flurschluchten. Früher hat Wallenstein hier residiert, später dann bis ins 20. Jahrhundert hinein die Adelsfamilie Clam-Gallas. „Kann das ein Zufall sein“, fragt Kastellanin Jana Pavlikova, „dass in Kafkas Roman ausgerechnet ein Herr Klamm vom Schloss aus die Fäden zieht?“ Die Familie Clam-Gallas, deren Name fast gleich ausgesprochen wird wie jener von Kafkas Herrn Klamm – wieder eines dieser Vielleichts. Fest steht nur, was Franz Kafka eigentlich dort in Nordböhmen gesucht hat, 150 Kilometer entfernt von seinem Heimatort Prag: Die Geschäfte zwangen ihn zum Reisen; 1911 war Kafka bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt beschäftigt. Und die Region entlang der deutschen Grenze zählte zu den höchstindustrialisierten Gebieten des Landes. Frýdlant hieß damals noch Friedland. In der ganzen Umgebung mitten im Sudentenland lebten überwiegend Deutsche. Nordböhmen war eines der Zentren der europäischen Textilproduktion. „Die Jahre damals waren die glänzendste Zeit unseres Ortes“, sagt Iva Beranova, die Chronistin der Stadt. Das Wachs- tum schien unaufhaltsam. Friedland war eine der ersten Gemeinden im ganzen Land, die an das Stromnetz angeschlossen wurden, kurz nach der Hauptstadt Prag. Die Fabrikbesitzer konnten sich vor Aufträgen nicht mehr retten. Immer neue Erweiterungsbauten für ihre Produktionshallen entstanden. Der Wohlstand breitete sich aus. Allein das Rathaus: Über und über verziert ist die Fassade. Durch ein fein gearbeitetes Bogenfenster fällt Licht in den beinahe zehn Meter hohen Ratssaal hinein, der Turm mit seinen Balkonen und ziselierten Gauben ragt höher in den Himmel hinein als der Glockenturm der Kirche.
1893 entstand das Rathaus, die stolze Bürgerschaft hatte eigens einen Architekten aus Wien mit den Entwürfen beauftragt. Ein paar Straßen vom Marktplatz entfernt, dort, wo das Tal von Frýdlant in die hügelige Landschaft übergeht, stehen die alten Fabrikantenvillen. „Kafka sollte den Firmen ein bisschen in die Karten schauen“, vermutet Iva Beranova. Viele Unternehmen versicherten ihre Mitarbeiter bei Kafkas Gesellschaft – und mogelten, um Geld zu sparen, bei der Zahl ihrer Angestellten.
Wer heute in Frýdlant lebt, kann von der Prosperität der Vergangenheit, von der Sorglosigkeit und dem Wohlstand nicht einmal mehr träumen. 6.000 Einwohner stehen in den Melderegistern der Stadt, von Jahr zu Jahr werden es weniger. Die Jungen ziehen zur Arbeit nach Prag oder zumindest ins nahegelegene Liberec. In Frýdlant selbst verfallen die soliden Industriehallen aus der Zeit um die Jahrhundertwende allmählich. Sie sind nutzlos geworden. „Nur da vorne, neben dem Schlossteich, werden heute noch Textilien hergestellt“, sagt Iva Beranova. „Slezan“ heißt die Firma heute, zu Kafkas Zeiten war es das Unternehmen Rolffs.
Solche scheinbar unbedeutenden Namensänderungen sind kleine Indizien für das neue Klima in Frýdlant. Die meisten Menschen, die heute hier wohnen, haben in der nordböhmischen Region keine Wurzeln geschlagen. Viele sind nach dem Zweiten Weltkrieg vom kommunistischen Regime kurzerhand hierhin umgesiedelt wor- den. Schließlich standen die meisten Häuser und die schönsten Villen einfach leer, nachdem die Sudetendeutschen auf die andere Seite der deutschen Grenze getrieben wurden. Oben im Rathaus, in Iva Beranovas Heimatmuseum, finden sich einige Fotos, die wie ein Zeitraffer die Jahre zu- sammenfassen: Auf dem einen Bild schreitet noch Franz Graf Clam-Gallas in kniehohen Reiterstiefeln durch seine Wälder; auf dem nächsten Bild ist Adolf Hitler zu sehen, der vom Balkon des stolzen Frýdlanter Rathauses aus seinen Triumph hinabwinkt in das angeschlossene Sudetenland.
Heute liegt Frýdlant am Ende der Welt, von Prag aus betrachtet oder auch vom nahegelegenen Liberec. Strukturschwach, heißt es in der Bürokratensprache. Die Leute aus der Region haben einen einfacheren Begriff gefunden: „Za tunelem“, sagen sie auf Tschechisch: Frýdlant liegt, bildlich gesprochen, hinter dem Tunnel. „Und niemand hier tut etwas dafür, uns aus dieser Isolation herauszubringen“, schimpft einer der Einwohner auf dem Marktplatz. Mehr als 50.000 Besucher kommen pro Jahr, um sich das Schloss von Frýdlant anzuschauen. Sie kommen mit dem Auto oder per Bus und sind nach der kurzen Besichtigungsrunde gleich wieder auf der Weiterreise.
Abendliche Konzerte oder auch nur gemütliche Restaurants gibt es nicht. Tourenvorschläge durch das hügelige Böhmen hat noch niemand ausgearbeitet. Stattdessen hält Ramsch seinen Einzug in Frýdlant: Direkt an der Straße hinauf zum Schloss hat die Stadtverwaltung gerade erst zwei alte Häuser abreißen lassen. Auf den freien Grundstücken steht jetzt rechterhand ein Penny-Markt und linkerhand ein Lidl. Und die schmale Gasse selbst, die idyllisch Schlossstraße heißt und mit gepflegtem Kopfsteinpflaster ausgelegt war, haben die Stadtväter mit einer Asphaltdecke überzogen.
Trotz solcher Bausünden gibt Schlosskastellanin Jana Pavlikova die Hoffnung auf eine Zukunft als Touristenziel nicht auf. „Die Sache mit Franz Kafka könnte für uns sicher interessant werden“, meint sie. Mehr Touristen, mehr Einnahmen, so einfach geht die Rechnung. Noch allerdings findet sich nirgendwo in Frýdlant ein Hinweis auf den prominenten Besucher. Nur die Spekulationen, die es hier schon immer um Franz Kafka gegeben hat, blühen bei den Bewohnern wieder auf. Vielleicht, so lautet das jüngste Gerücht, hat Kafka damals doch nicht im Hotel „Zum weißen Pferd“ unten am Marktplatz gewohnt. Oben auf dem Hügel, gleich neben dem Eingang zum Schloss nämlich verfällt ein großes Gebäude, in dem früher eine Gastwirtschaft gewesen ist. „Viele Durchreisende sind dort untergekommen“, sagt Jana Pavlikova. Und Kafka? Der schreibt in seinen Reisetagebüchern: „Mein Zimmer war über der Hauseinfahrt. Vor meinem Zimmer war eine Art Nebenzimmer der Diele. Verschluss der Fenster nicht durch Klinken, sondern durch Haken oben und unten.“ Das alles passt auf das alte Haus neben der Schlosseinfahrt. Vor ein paar Wochen hat Jana Pavlikova es vorsichtshalber gekauft, teuer war es nicht in dem desolaten Zustand.
Früher oder später, da ist sie sich sicher, werden die Kafka-Touristen den Ort Frýdlant für sich entdecken. Und sie wird dann ganz vorne mit dabei sein. Vorbereitet auf den Ansturm ist Jana Pavlikova jedenfalls. Gerade erst, so erzählt sie, habe sie sich im Internet ein paar Bücher von Franz Kafka bestellt. Man weiß ja nie, wofür die einmal gut sind.