Jüdische Allgemeine | 19.10.2017 | Chajm Guski | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29845

Siddur

»Nussach Ari« auf Deutsch

Chabad Lubawitsch hat ein Gebetbuch für hiesige Beter herausgebracht – in einer Übersetzung von Miriam Magall

Chabad Lubawitsch ist nicht nur eine Strömung innerhalb des Judentums. Chabad ist auch eine Marke. Fast sprichwörtlich ist, dass man überall auf der Welt ein Chabad-Zentrum finden kann. Wer eines in Buenos Aires besucht, in Moskau oder Berlin, weiß also, was ihn erwartet, auch wenn vieles von den jeweiligen Vertretern vor Ort abhängt.

Ein wichtiger Teil der »Markenstrategie« ist der einfache Zugang zu grundlegenden Informationen über das Judentum. Der Zugang über Chabad ist in der Regel unkompliziert und erreicht alle, unabhängig von ihrem Vorwissen. Wem hier die einfachsten Fragen beantwortet wurden, der kehrt möglicherweise auch zurück, wenn es um die eigene Lebensführung geht. Das betrifft Websites, persönlichen Kontakt, aber auch Bücher und andere gedruckte Materialien: Sie weisen den Weg, sich an ein Chabad-Haus in der Nähe zu wenden.

Rabbi Schneur Zalman Diesem leichten Zugang verpflichtet, hat Chabad auch einen eigenen Siddur, ein Gebetbuch, herausgebracht. Chabad folgt nämlich einem eigenen Nussach, dem »Nussach Ari« – der Tradition des Arizal. Gemeint ist Rabbiner Jitzchak Luria, ein Kabbalist, der im 16. Jahrhundert in Safed gelebt hat. Er selbst schuf keinen Siddur. Doch der erste Rabbiner von Chabad Lubawitsch, Rabbiner Schneur Zalman aus Liadi, genannt der »Alte Rebbe«, stellte das überlieferte Material, angelehnt an den se-fardischen Ritus, zusammen. Er enthält zahlreiche kabbalistische Elemente.

Chabad erkannte das Potenzial einer englischen Übersetzung zur Vermittlung der eigenen Ideen und veröffentlichte diese im Jahr 1978. Später ließ man weitere Ausgaben in einem ansprechenden und modernen Layout mit

Kommentaren folgen. Durch Kommentare und Erklärungen erschloss man interessierten Betern die Zusammenhänge der jüdischen Gebete – und wie sie zu sprechen sind.

Ein Siddur, das schreibt auch Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch Berlin, ist das meistgebrauchte Buch im Judentum. Damit ist jeder Griff zu einem Siddur der Strömung auch ein Kontakt mit Chabad. Nach der Öffnung der Sowjetunion folgte der Sprung Chabads in die osteuropäischen Länder – und natürlich war auch eine russische Übersetzung des Chabad-Siddurs Tehillat HaSchem Teil der lokalen Markenbildung. Einige Ausgaben davon haben es übrigens bis in deutsche Gemeinden geschafft, auch weil sie Transliterationen der wichtigsten Texte enthielten.

Tehillat HaSchem Die Bedeutung Deutschlands zeigte sich im Jahr 2008, als das Buch Tanja, praktisch die Philosophie von Chabad, in einer bibliophilen Ausgabe herausgebracht wurde. Dies unterstrich die Wichtigkeit der Aktivitäten hierzulande. So ist es nur folgerichtig, dass auch eine deutsche Übersetzung von Tehillat HaSchem erschien. Bis dahin nutzte man in den Zentren Siddurim ohne Übersetzung oder die englischen und russischen Ausgaben. Die deutsche Ausgabe entspricht zwar optisch ihrem amerikanischen Vorbild, ist aber inhaltlich nicht einfach eine Übertragung des englischen Textes.

Die Übersetzung des hebräischen Textes hat Miriam Magall sel. A. vollständig neu erarbeitet. Sie blieb dabei recht nah am Text und hat sich diesbezüglich gelegentlich für Formulierungen entschieden, die weniger poetisch sind als die der gängigen Übertragungen. So werden etwa die Segenssprüche richtigerweise im Präsens übersetzt mit »der das Licht gestaltet und die Finsternis erschafft« und nicht »der das Licht gebildet und die Finsternis erschaffen«. Zugleich werden viele Konventionen eingehalten.

Der Name G’ttes wird stets mit »der Ewige« übertragen, und die Angaben der Schriftstellen folgen der lateinischen Bezeichnung. Bereschit ist dementsprechend »Genesis«. Die kulturelle Schwelle für Neueinsteiger wird also niedrig gehalten, Anmerkungen sind deutlich erkennbar und hervorgehoben. Einschübe in die Gebete für besondere Anlässe sind ebenfalls klar markiert und leicht zu verwenden. Zu einigen Gebeten gibt es Transliterationen im Anhang – auch hier eine Tür für den ungeübten Beter. Allerdings gibt es einen Teil im Anhang, der auch in der englischen Ausgabe unübersetzt bleibt.

Selbst wenn nicht viele Gemeinden dieser Tradition folgen, so dürfte der Siddur Tehillat HaSchem all jenen eine Tür öffnen, die sich entweder mit den Texten des Siddurs auseinandersetzen wollen – oder mit der Tradition von Chabad.

»Siddur Tehillat HaSchem« nach dem Text von Rabbi Schneur Salman von Liadi. Jüdisches e.V., Berlin 2017, 1194 S., 38,40 €