Jüdische Allgemeine | 11.10.2017 | Rabbiner Baruch Babaev | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29778

Freudenfest

Die zweite Hochzeit

Warum das Volk Israel die Tora nicht an Schawuot, sondern erst an Simchat Tora lieben lernte

Simchat Tora ist seit jeher ein krönender Abschluss zahlreicher Fei-ertage des Monats Tischri, der in der Tora als siebenter Monat er-wähnt wird. Sieben – auf Hebräisch »schewa« – kann auch als »satt« gelesen werden. Genauso wird der Monat Tischri im Midrasch genannt, denn dieser Monat ist voll von jüdischen Feiertagen und satt an Geboten.

Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen, dass Simchat Tora – das Fest, an dem die Tora gefeiert wird – in der gesamten Tora überhaupt nicht vorkommt. Das biblische Fest, mit dem Simchat Tora in Israel zusammenfällt, heißt Schemini Azeret – und obwohl es sofort auf die sieben Tage von Sukkot folgt (in der Diaspora feiert man Simchat Tora am zweiten Tag von Schemini Azeret), ist es doch ein eigener Feiertag.

»Kopie« Doch nicht nur den Tag »leiht« sich Simchat Tora von Schemini Azeret. Auch die zahlreichen Bräuche an Simchat Tora, die im Laufe von Jahrhunderten entstanden sind, scheinen von anderen Feiertagen »kopiert« und auf das Fest am Ende von Sukkot übertragen worden zu sein.

So empfinden wir an Simchat Tora Freude wie an Purim. Die Tänze mit der Tora werden bis in die späte Nacht abgehalten und wiederholen sich am nächsten Tag. König Salomon nannte die Tora ein Licht: »Denn eine Leuchte ist das Gebot, und die Tora Licht« (Mischlej 6,23). Diese Bezeichnung erinnert uns sehr stark an das Lichterfest Chanukka.

Außerdem stehen die Kinder an Simchat Tora im Mittelpunkt der Synagoge und steigen als »Kol Hanearim« – alle Kinder – mit dem sechsten Aufgerufenen zur Tora hinauf.

parallelen Auch in der Sedernacht von Pessach nehmen die Kinder die aktive Rolle der Fragensteller und Afikomansucher ein. Und schließlich wird auch die Bima mit den Torarollen von den feiernden Menschen sieben Mal umrundet, fast wie an Sukkot und Hoschana Rabba, nur mit Torarollen in den Händen.

Die wichtigste Parallele aber scheint mir: An Simchat Tora gibt es Chatanim wie bei einer jüdischen Hochzeit. Der Bräutigam der Tora beendet die jährliche Toralesung, und der »Bräutigam Bereschit« beginnt unmittelbar danach mit der Lesung der Schöpfungsgeschichte, und das alles unter einem Tallit, Gebetsmantel, was einem Hochzeitsbaldachin gleichkommt.

Der Sohar (das fundamentale kabbalistische Werk, das auf Rabbi Schimon Bar Jochai aus dem zweiten Jahrhundert n.d.Z. zurückgeführt wird) sagt, dass die Torarollen an Simchat Tora mit der Krone der Verherrlichung als eine Art Andeutung an die Krone der Schechina – Präsenz G’ttes – geschmückt werden. Dieser Ansatz ist uns noch von Rosch Haschana bekannt. Denn wenn das Schofar ertönt, krönen wir den Ewigen zum König über die gesamte Schöpfung.

Die eigentliche Frage aber ist: Warum wird Simchat Tora nicht an Schawuot gefeiert, dem Fest, an dem dem Volk Israel die Tora gegeben wurde, sondern erst dann, wenn die Lesung der Tora abgeschlossen wird? Zumindest thematisch würde diese Kombination gut passen. Auch die empfundene Freude sollte doch eigentlich beim Erhalt der Tora, an Schawuot, viel größer gewesen sein als an dem Tag, an dem die Tora abgeschlossen wird.

Parabel Wie so oft im Judentum lassen sich die schwierigen Fragen am besten mit einem Gleichnis beantworten. Dazu passt eine bekannte Parabel des Maggid von Dubnow (Rabbiner Jakob Ben Zeew Krantz, ein herausragender Prediger aus dem 18. Jahrhundert).

Eine Prinzessin wuchs heran, und ihr Vater, der König, begann, sich Gedanken über den zukünftigen Schwiegersohn zu machen. Seine Tochter (wie eben Prinzessinnen so sind) war nicht nur sehr schön, sondern auch belesen, klug und gebildet.

Viele junge Männer adliger Abstammung stellten sich im Schloss vor, aber keine schien dem König gut genug für die Prinzessin. Die Zeit verging, doch der König konnte keinen passenden Bräutigam für seine einzige Tochter finden. Er befahl sogar seinen Ministern, in anderen Königreichen nach einem passenden jungen Mann Ausschau zu halten.

Seelenverwandtschaft Eines Tages kehrte einer der Minister von einer langen Reise zurück und erzählte dem König, ihm sei ein junger Mann begegnet, der zwar nicht adliger Abstammung sei, sondern aus sehr bescheidenden Verhältnissen komme, jedoch mit der Prinzessin geradezu seelenverwandt sei.

Natürlich konnte dieser Mann nicht als erste Wahl gelten – doch der König machte sich so viele Sorgen um die Zukunft seiner Tochter, dass er sofort seine treuen Diener schickte und sich den jungen Mann vorführen ließ. Keiner der Diener beantwortete die Fragen des Jünglings, was man von ihm wolle und warum er in den Königspalast gebracht worden sei.

Auch der König befahl nur kurz, den jungen Mann zu waschen, zu frisieren und anzukleiden, denn er werde noch am selben Abend die Prinzessin kennenlernen. Der junge Mann versuchte zwar zu protestieren, jedoch ließ ihm der König keine Wahl. Es blieb dem jungen Mann nichts anderes übrig, als dem königlichen Willen zu gehorchen.

An diesem Abend unterhielt sich die Prinzessin mit dem jungen Mann und war von seinem Denkvermögen und seinem Scharfsinn höchst beeindruckt. Auch seine guten Charaktereigenschaften fielen ihr auf. Das Gespräch zwischen der Prinzessin und dem jungen Mann dauerte länger als bei allen vorherigen Kandidaten, und der König wurde schon sehr ungeduldig und wollte erfahren, was seine Tochter von dem Treffen hielt. Umso überraschter war er, als er seine Tochter wiedersah. Strahlend kam sie angerannt und erzählte ihrem Vater, wie sehr sie die Unterhaltung mit dem Jüngling genossen habe.

Freudig zog der König den jungen Mann in seine Arme und erklärte sofort, dass die königliche Hochzeit in drei Tagen stattfinden solle. Wieder versuchte der junge Mann zu protestieren, doch der König befahl ihm, zu schweigen und sich auf seine Hochzeit vorzubereiten. Vom König bis zur Magd waren alle im Königreich überglücklich über die bevorstehende Hochzeit: alle außer dem Bräutigam.

Auch während der Zeremonie wurde er von Ängsten und Zweifeln über die Partnerschaft mit der Königstochter zermürbt. In der Zeit vor der Hochzeit hatte er versucht, herauszufinden, was mit der Prinzessin nicht stimmte. Warum sonst hätte sie ihr Leben mit einem einfachen Menschen teilen wollen?

Audienz Auch nach der Hochzeit blieb der Bräutigam skeptisch und suchte immerfort nach Mängeln bei seiner Frau. So vergingen Wochen und Monate. Nachdem der Mann keine Gebrechen bei seiner Frau feststellen konnte, bat er um eine Audienz beim König. Während des Gesprächs äußerte er seine Bitte, eine zweite Hochzeit mit der Prinzessin zu veranstalten. Die Zeremonie der Eheschließung und die Feierlichkeiten sollten wiederholt werden.

Der König verstand die Bitte nicht. Sein Schwiegersohn erklärte ihm daraufhin, dass er anfangs nicht verstehen konnte, warum eine Prinzessin einen einfachen Mann heiraten wollte. Doch nun, wo er mit ihr zusammengelebt und sie kennengelernt habe, habe er verstanden, wie vollkommen seine Frau sei. Daher ersuche er den König um eine zweite Hochzeit, damit er sich als glücklicher Bräutigam an seiner Braut erfreuen könne.

Genau wie in dieser Parabel verhielt es sich an Schawuot – der »ersten Hochzeit« zwischen dem Volk Israel und der Tora. Das Volk Israel empfand die Tora zunächst als eine Art Last. Plötzlich gab es viele Verbote. Manche Israeliten weinten deswegen sogar den ganzen Tag an Schawuot.

Sklaverei Das Volk Israel, das einfachste unter den Völkern, gerade erst aus der Sklaverei befreit, fühlte sich unter Druck gesetzt, die Tora am Berg Sinai zu empfangen. Die Israeliten dachten: Nur weil kein anderes Volk die Tora haben wollte, müssten sie sich jetzt nach ihr richten. Natürlich war die Freude unter diesen Umständen nicht vollkommen.

Aber wer sich mit der Tora befasst und sich mit all ihren 613 Geboten auseinandergesetzt hat, sie bis zum letzten Vers studiert und nicht nur keinen Makel, sondern im Gegenteil ihre Vollkommenheit für sich entdeckt hat, der verspürt wie der junge Bräutigam in der Parabel das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben und es unbedingt nachholen zu wollen. Daher wird die zweite Hochzeit an dem Tag gefeiert, an dem man sie erneut für sich entdecken kann: »Des Glückes Wege ihre Wege und alle ihre Pfade Heil« (Mischlej 3,17).

Aus dem Gleichnis des Maggids von Dubnow wird auch klar, warum Simchat Tora an Schemini Azeret gefeiert wird. In den sieben Tagen des Sukkotfestes werden insgesamt 70 Rinder geopfert (4. Buch Mose 29,12) – eines für jedes Volk, an Schemini Azeret dagegen nur ein Rind (4. Buch Mose 29,37). Der Midrasch sagt dazu, dass alle vom Ewigen nach den langen Feierlichkeiten weggeschickt werden. Nur Israel erhält an Schemini Azeret eine »Audienz« beim Ewigen – an dem Tag, an dem um eine zweite Hochzeit ersucht und diese auch erlaubt wird.

Hakafot Und auch die Hakafot an Simchat Tora unterscheiden sich von den Hakafot an Sukkot und Hoschana Rabba. Denn am Sukkotfest liegt die Torarolle auf der Bima, und alle umkreisen sie. Nicht so an Simchat Tora: Denn dann ist es die Tora, die die Bima sieben Mal umkreist – genau wie die Braut, die während der Chuppa ihren Bräutigam umkreist. Dabei steht die Bima symbolisch für den Bräutigam, von wo aus die Tora gelesen und gelernt wird und man sich von ihrer Vollkommenheit überzeugt hat.

Übrigens schreibt der Sohar, dass alle jüdischen Feiertage ihre Anfänge in Simchat Tora finden – und nicht, wie anfangs angenommen, dass alle Elemente von Simchat Tora von den anderen Feiertagen entlehnt sind. Somit schmecken und erleben wir an Simchat Tora alle jüdischen Feiertage gleichzeitig.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.