Jüdische Allgemeine | 21.04.2017 | Barbara Goldberg | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28323

Frankfurt

Deutsch mit Bärbel Schäfer

Warum sich Juden in der Flüchtlingshilfe engagieren

Eine Frage beschäftigt Podium wie Publikum: »Warum behalten alle Flüchtlinge während des Unterrichts trotz der meist überfüllten und überheizten Räume immer ihre Jacken und Mäntel an?« Bärbel Schäfer stellt diese Frage als Erste. Die Autorin und Radiomoderatorin hat sich im vergangenen Jahr spontan der Initiative »Teachers on the Road« angeschlossen und mehrere Monate lang ehrenamtlich Deutsch für Flüchtlinge unterrichtet.

Dabei machte sie die Beobachtung, dass niemand aus ihrem Kurs jemals seine Jacke auszog, egal, wie warm es drinnen oder draußen war. Eine Zuhörerin aus der ersten Reihe greift das Thema auf: »Ich leite Integrationskurse, und mir ist dieses Phänomen ebenfalls aufgefallen. Vielleicht entspringt diese Angewohnheit einem Bedürfnis nach Schutz oder Abgrenzung«, mutmaßt sie.

Ein Mann im roten Pullover meldete sich zu Wort: »Das hat einen ganz praktischen Grund. Aus Angst vor Diebstahl; in den Unterkünften haben die Leute ihre wichtigsten Dinge stets bei sich. Dazu gehört auch der Mantel. Vor allem aber lassen sich in seinen Taschen Geld, Handy und andere Wertgegenstände verstauen, die man möglichst immer am Leibe tragen will.«

Freude Doch die schönste Erklärung kommt von Navid, selbst Flüchtling aus Afghanistan und seit eineinhalb Jahren in Frankfurt: »Alle sind so voller Vorfreude auf den Unterricht, dass sie ganz vergessen, ihre Jacken abzulegen.« Und Navid muss es wissen, hat er doch selbst seine ersten Deutschkenntnisse bei den »Teachers on the Road«, einem Projekt der Organisation »Netzwerk Konkrete Solidarität«, erworben.

Susanna Keval, Redakteurin der Frankfurter Gemeindezeitung, hat ihn, Bärbel Schäfer und Timur Beygo, einen der Mitinitiatoren der »Teachers«, zum Podiumsgespräch in den Frankfurter Gemeinderatssaal eingeladen, um einmal, wie sie in ihrer Einführung erläutert, »die in der Öffentlichkeit unbemerkten positiven Seiten der Immigration darzustellen«. Außerdem möchte Keval damit an die bereits im Herbst 2015 von ihr organisierte Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge anknüpfen und fragen: »Was ist eineinhalb Jahre später aus der Willkommens- und Unterstützungskultur geworden?«

Auch wenn sich nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 die Stimmung allgemein verschlechtert hat, haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter von »Teachers on the Road« nichts von ihrem Enthusiasmus verloren. Angefangen hatte alles mit 22 Flüchtlingen aus Eritrea, die in einer Kirche in der Frankfurter Innenstadt untergebracht waren. »Das war der Moment, um das Projekt der ›Teachers‹ zu starten«, erinnert sich Timur Beygo. »Damals hatten wir nur einen Raum. Bald kamen 100 Leute zum Unterricht, aber es gab nur 80 Stühle. Auch die Arbeitsblätter reichten bei Weitem nicht aus, doch das alles war egal.«

Der ehemalige Polizist und heutige Pädagoge sieht den Sinn des Unterrichts vor allem darin, den Menschen eine sinnvolle Unterbrechung des ewigen Herumsitzens und Wartens in den Unterkünften anzubieten. »Es tut ihnen gut, mit anderen zusammen zu sein, mit denen sie die – häufig traumatische – Erfahrung der Flucht teilen. Jeder hat sein Handy vor sich liegen, mit den Fotos, die die Flucht dokumentieren, und der Erinnerung an alles, was sie hinter sich gelassen haben. Häufig herrscht in den Kursen eine hochemotionale Stimmung«, hat Beygo beobachtet. Das verbindet.

Solidarität »Es gibt eine große Solidarität unter den Menschen, obwohl sie aus ganz verschiedenen Ländern und Regionen stammen.« Konflikte träten kaum auf, Anzeichen von Antisemitismus – ebenfalls Fehlanzeige. »Alles gut!«, versichert Timur Beygo lächelnd. »Die Wirklichkeit hat wenig mit den Katastrophenmeldungen in den Medien gemein.«

Rund 280 ehrenamtliche Lehrer im gesamten Rhein-Main-Gebiet arbeiten mittlerweile bei den »Teachers« mit und versuchen, die Flüchtlinge in verschiedenen Lerngruppen mit der deutschen Sprache vertraut zu machen, angefangen bei der Alphabetisierung bis hin zur anspruchsvollen Konversation.

Inzwischen gibt es auch Arabischkurse, damit die Einheimischen ebenfalls einen Schritt auf die Neuankömmlinge zugehen können. »Eine Sprache zu lernen, heißt immer, in eine neue Welt einzutauchen«, sagt Navid, und dass er diesen wunderbaren Satz auf Deutsch sagen kann, verrät mehr über seine Sprachkompetenz als jedes Zertifikat oder Diplom. Diese braucht er aber trotzdem. »Als ich Afghanistan verlassen musste, stand ich kurz vor dem Abitur. Hier musste ich erst einmal den Hauptschulabschluss nachholen. Zurzeit besuche ich die Abendrealschule«, erzählt der 21-Jährige.

Was ihn zur Flucht bewog und ihm bis heute die Kraft gibt, weiterzumachen, zu lernen, zu arbeiten und alleine, fernab seiner in Afghanistan verbliebenen Familie, den Alltag zu meistern, ist schlicht der Wunsch, »ein normales Leben zu führen«. Für ihn und die anderen Flüchtlinge alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Wer Geschichten wie diese hört, kann verstehen, was Bärbel Schäfer beim Deutschunterrichten erfahren hat: »Die große anonyme Flüchtlingswelle bekommt plötzlich ein Gesicht, wird zu Navid, Ali oder Mahmut.« Innerlich bleibe man hohl und unbeteiligt, wenn man nicht Anteil nehme, keine persönlichen Begegnungen mit diesen Menschen habe und sich nicht aktiv um sie kümmere, ist die 51-Jährige überzeugt. Zumal das Thema Flucht ja immer auch ein jüdisches ist: »Flucht hat das Schicksal der Familie meines Mannes geprägt, die Wunden sind bis heute spürbar«, sagt Bärbel Schäfer.

Lebenserfahrung »Ich bin selbst 1968 als Flüchtling aus der Tschechoslowakei hierhergekommen, meine Eltern waren 30 Jahre zuvor vor den Deutschen geflüchtet«, erzählt Susanna Keval. Die eigene Lebenserfahrung von Flucht und Fremdheit motiviert viele in Deutschland lebende Juden, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren.

Seit Kurzem gibt es eine Initiative von jungen, Arabisch sprechenden Israelis in Frankfurt, die die Flüchtlinge in ihren Unterkünften aufsuchen, mit ihnen reden, dolmetschen und ihre Unterstützung anbieten. Und wieder ist es Navid, der die treffenden Worte findet, um dem Vorurteil von Antisemitismus und Feindseligkeit zu begegnen: »Egal, welcher Nation, egal, welcher Religion mein Freund angehört. Was zählt, dass wir hier alle zusammen leben!«